JERUSALEM – Glaube, Liebe, Hummus

Ich war echt gespannt. Was wird diese Stadt mit mir machen?
Die größten Heiligtümer dreier Weltreligionen, zusammengepfercht auf die 0,9 Quadratkilometer der Jerusalemer Altstadt.
Grabeskirche, Felsendom, Ölberg, al Aqsa-Moschee, Klagemauer… da muss man doch auch als nicht religiöser Mensch etwas fühlen?
Ehrfurcht… Ergriffenheit… Einen göttlichen Schauder… oder so?

Da stehe ich nun, auf Jesus` letztem Weg, der Via Dolorosa, inmitten einer Gruppe laut schluchzender Koreaner, die gerade unsanft von einer Gruppe Kirchenlieder singender Franzosen in den nächsten Souvenir-Stand gerempelt wird.


In einem Innenhof posiert eine grinsende Reisegruppe fürs Erinnerungsfoto mit einem überdimensionalen Holzkreuz.


Genau so eines soll Jesus hier entlang getragen haben.
Der Jesus, der Zeit seines kurzen Lebens die Habgier der Jerusalemer Händler angeprangert hat.
Hier... durch diese Gasse voller Händler, die lautstark ihre Reliquien und Motto-Shirts loswerden wollen?
Wer Schwierigkeiten hat, sich das vorzustellen (oder einfach nur sehr andächtig sein will), kann sich eines der riesigen Holzkreuze ausleihen und es die gesamte Via Dolorosa hinaufschleppen… genau wie Jesus.
Nur, dass man am Wegesende wahrscheinlich ein paar Sonnenhüte und gefakte Paschmina-Schals vom Kreuz pflücken muss.

Das ist mir alles ein wenig zu absurd für Ergriffenheit.
Ich merke schnell: Das Spannende an Jerusalem sind für mich gar nicht so sehr die heiligen Stätten an sich.
Das Spannende sind die Extremgläubigen, die an ihnen zusammenclashen.
Murmelnd wippende orthodoxe Juden, Muslime auf Gebetsteppichen, kniende Nonnen.

Vieles haben sie nicht gemeinsam. Eines schon: Jeder glaubt, sein Glaube ist der einzig richtige.
Klar, dass das zu Spannungen führt.

Zum Glück entladen sich diese oft nur in bürokratischen Kleinkriegen.
Die Grabeskirche zum Beispiel teilen sich Christen, Griechisch-Orthodoxe und Armenier.
Wer welchen Teil des heiligen Bodens putzen darf, ist bis auf die Fliese genau festgelegt.

Als Glaubensfremder kann man nur versuchen, mit all den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen mitzuhalten.
Der Klagemauer nicht den Rücken zukehren, und als Frau bloß nicht der Männer-Sektion zu Nahe kommen.
Daran werde ich von einem Sicherheitsmann höflich mit einem gellenden Schrei erinnert.
Der ultraorthodoxe Jude, den ich abends hilflos nach dem Weg frage, starrt noch hilfloser an mir vorbei.
Sein langer Bart fängt an zu zittern. „I don`t know!“
Stimmt ja, er darf nicht mit einer Frau reden. Verführungs-Gefahr.
Am heikelsten ist es auf dem Tempelberg.
Dort, wo vor etwa 3000 Jahren das wichtigste jüdische Heiligtum stand: Der erste Tempel von Salomon.
Genau dieser Tempelberg ist aber ungünstigerweise auch eines der größten Heiligtümer des Islam – weil hier Mohammed in den Himmel aufgestiegen sein soll.
Seit etwa 1300 Jahren ist der Tempelberg mit dem Felsendom und der al Aqsa-Moschee nun schon in der Hand der Muslime.
Den Juden bleiben von ihrem einstigen Heiligtum nur noch die 60 Meter der Klagemauer… ein Bruchteil der mittlerweile zugebauten oder unterirdischen Grenzmauer rund um den Tempelberg.


Wer als Nicht-Muslim auf den Tempelberg will, muss durch eine israelische und eine jordanische Sicherheitskontrolle. Alle Frauen und alle Männer in Shorts werden zu türkisen Leihröcken verdonnert.


Kreuze, Bibeln und Weihrauch-Schwenker sollte man möglichst im Hotelzimmer lassen und den betenden Muslimen bloß nicht zu nahe kommen.
Rauf auf den und runter vom Tempelberg geht es über eine Holzrampe, die nun schon seit 11 Jahren so aussieht, als würde sie demnächst zusammenkrachen, und die im Sommer stets von zwei Feuerwehrautos bewacht werden muss.
Doch die diplomatische Sicherheit geht in diesem Fall vor.
Eine richtige Rampe könnte als Annexionsversuch gedeutet werden und einen Eklat auslösen.

Die hölzerne Mughrabi-Brücke hoch zum Tempelberg

Ungestört thront dagegen das jüdische Temple Institut gegenüber des Tempelbergs vor sich hin.
Hier arbeitet eine Gemeinschaft jüdischer Orthodoxer seit 30 Jahren ganz offen einen Bauplan für den neuen Salomonischen Tempel auf dem Tempelberg aus.
Von der al Aqsa Moschee und der Felsendom ist auf den Bauplänen nichts mehr zu sehen.

„We are ready to take over“, so die jüdische Stadtführerin, die uns in die Katakomben des Tempelbergs bringt.
Hier stehen wir – gut 20 Leute – in einem engen Tunnel… genau auf der anderen Seite der Klagemauer.
Männer, Frauen, Gläubige und Atheisten.
Gemeinsam, ganz entspannt.

Hier ist es einfach nur ein Stück Mauer.

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