KERALA – God`s own Country

Juhuu! Es geht gen Süden… in den entspannten Teil Indiens.

Doch noch ist nichts mit Entspannen.
Auf meinem sehr frühmorgendlichen Flug nach Kerala bin ich zwischen zwei freundlichen, dicken Business-Indern eingeklemmt, die sich angeregt versuchen, mit mir zu unterhalten.
Und ich merke: Das werden lange zwei Stunden.
Denn ich verstehe noch nicht mal Bahnhof.
Schon in Mumbai habe ich mich mit dem indischen Englisch schwer getan, doch das war Oxford im Vergleich zum Akzent in Kerala.
Oder „Krl“ wie es die Einheimischen nennen, denn Vokale hält man hier für unnötig.
Also: Wenn ich die beiden richtig verstanden habe, muss ich in Krl unbedingt auch den Strand Vrkl (Varkala), den Ntnlprk in Kmrkm (National Park in Kumarakom) und die Hauptstadt Thrvnnthprm (Thiruvananthapuram) anschauen. Vln Dnk! Vielleicht beim nächsten Mal.
Auf dieser Reise geht es nach Munnar, Alleppey und Kochi… und zwar zusammen mit meiner Grundschulfreundin Ramona, die einen Tag später nachkommen wird (nochmal Juhuu!).

Mit blutenden Ohren lande ich am ersten solarbetriebenen Flughafen der Welt in Kochi… und werde von einer Hitze-Watschn und dem fröhlich winkenden Sabu begrüßt.

Er fährt mich die nächsten fünf Stunden in seinem steril sauberen, mit weißen Handtüchern ausgelegten weißen Auto durch die schönste Dschungellandschaft.

Sabu in natürlich weißem Hemd

Und dazu fährt er auch noch sicher und gut.
Anders als der Rest.

Hier herrscht eindeutig Mittelverkehr, auch wenn Sabu anderes behauptet („lft sde!“).
Halb auf der eigenen, halb auf der Gegenspur lässt es sich eben schneller durch die Steilkurven pesen.
Dabei ist unbedingt wichtig, pausenlos zu hupen, um nicht in einen der vielen Motorroller zu crashen.
Letztere sind meist mit drei unbehelmten, Handy-tippenden und fröhlich winkenden Indern beladen und rasen genau so schnell durch die Kurven, angefeuert von den Totenkopf- und „Go slow“-Schildern am Straßenrand.

Kein Wunder, dass hier so viel gebetet wird!
Kerala trägt vollkommen zurecht den Untertitel „Gods own Country“, denn so viele Heiligenbildchen und christliche Botschaften habe ich noch nirgendwo gesehen.
Und weil heute Sonntag ist, dröhnt aus allen quietschbunten Kirchen fröhliche Kirchenmusik.


70 Prozent der Einwohner Keralas sind Christen.
Auch Sabu, mein Fahrer. Leider kann er wegen mir heute nicht in den Gottesdienst.
„Oh, das tut mir leid.“, sage ich.
„N prblm“, sagt er. Kein Problem. Er hat schon zuhause vorgebetet.
Das macht er sowieso vor jeder Fahrt. Vor allem dafür, dass er keinen Franzosen fahren muss, die sind immer so langweilig.
Das und vieles, vieles, vieles andere erzählt mir Sabu.
Und so viel ich heraushören kann, geht es um Gott, die Welt und Arrvd (Aryurveda), das hier in Krl seinen Ursprung hat.
„Ja ja“… sage ich irgendwann nur noch und genieße die Landschaft.
Zwischendurch hält Sabu immer wieder an, um mir Chai-Tee und Tamarindensaft einzuflößen, oder um mir etwas Wichtiges zu zeigen.
Einen Mango-Baum zum Beispiel, oder einen Gummibaum.
Und als wir gerade vor einem Cashew-Baum ausgestiegen sind, befiehlt Sabu plötzlich mit strengem Blick:
„Put your cmera away and trn around!“.
Mir wird schlecht. Was passiert jetzt?
Sabu geht auf mich zu, dreht nach hinten, packt mich, reißt mich hoch und renkt mir den Rücken aus und wieder ein.
Danach dreht er mich wieder zurück und strahlt mich voller Stolz an.
Als er mein schreckenserstarrtes Gesicht sieht, wird er nervös.
Das sei doch das gewesen, was er vorhin meinte, mit der aryurvedischen Rückenheilung.
Er hätte mich im Auto gefragt, ob er mir das zeigen soll. Und ich hätte „Ja, ja“ gesagt.
„Sabu Touching Ok?“, fragt er jetzt besorgt.
„Ja ja!“, beruhige ich ihn und setze mich mit meinem neuen Wohlfühl-Rücken zurück aufs weiße Handtuch.

Und so kommen wir schließlich im traumhaft grünen südindischen Bergland an.
Zwanzig Minuten außerhalb von Munnar im Homestay Rose Garden, mitten im Gewürzdschungel.
Der Homestay macht seinem Namen alle Ehre.
Hier kann man gar nicht anders, als sich zuhause zu fühlen, wenn Papa Tomy in seinem Gewürzgarten zwischen Kaffeepflanzen, Sternfruchtbäumen, Vanillestauden und seiner Solar- und Biogasanlage werkelt, während Mama Rajee in der Küche Chapati backt und dabei Tränen lachend eine Mr. Bean Folge nach der anderen nacherzählt.

 
Und um das Ganze noch ein bisschen gemütlicher zu machen, serviert sie das Abendessen bereits im Nachthemd. Sehr, sehr gutes Essen.
Bis auf dieses eine faserige, spargelartige Ding.
„Was ist denn das?“, frage ich lustlos darauf herumkauend.
„Das ist ein Drumstick“, sagt sie. „Und man isst da die Schale nicht mit.“
Ups.
In der Nacht wache ich zum Glück nicht von Bauchweh, sondern von einem Alarmton auf, der ununterbrochen piept.
Ich suche verschlafen nach einem Rauchmelder oder einem Wecker… bis ich merke: Es ist ein Vogel.
Jetzt, da ich schon mal wach bin, google ich „Drumstick“, und finde heraus: Drumstick ist „Meerettichbaum“. Ich will „Meerrettichbaum“ googlen, doch dann wird mein Handy von einer großen Motte überfallen. Erschrocken werfe ich das Handy zur Seite und verschlucke dabei eine Fliege.
Welcome to Nature!

Am nächsten Tag wandere ich ein bisschen durch den Dschungel, sehe riesige Käfer, knallbunte Schmetterlinge, frische Muskatnüsse, Salamander und natürlich jede Menge Kardamom-Pflanzen.
Kerala ist das größte Kardamom-Anbaugebiet Indiens. Die frischen Kapseln landen hier wirklich überall.
Im Tee, im Curry, und manchmal auch im Mund betrunkener Männer, die auf dem Heimweg von der Kokosnuss-Bar mit noch schnell ihre Fahne übertünchen wollen.

Eine Muskatnuss, noch ungepulvert

Ich dagegen brauche keinen Alkohol, um gut drauf zu sein.
Denn ich habe auf einer Palme einen Affen entdeckt, der bei meinem Anblick allerdings so sehr erschrickt, dass er mit einem Rutsch von der Palme slidet.
Weniger schüchtern sind die zwei Äffchen, die sich mit mir in einem Schuppen vor dem herunter donnernden tropischen Regenschauer unterstellen. (Juhuu!)

„Iiiiiiiih, Regen!“

Meinen Affen-Enthusiasmus können die Locals wenig verstehen.
Sie können die Affen nicht gut leiden, denn die schmeißen oft einfach so die Papayas von den Bäumen und klauen alles, was nicht niet- und palmenfest ist.
Wenn ein Affe im Garten randaliert, wird grundsätzlich immer der Hausherr zum Verscheuchen geschickt, denn die Affen haben keinen Respekt vor Frauen.
Sie wissen, dass sie ihnen nichts zuleide tun können.
Blöde, niedliche, süße Macho-Affen.

Am nächsten Tag kommt Ramunnar in Monar, äääh… Ramona in Munnar an und ich muss sagen: Sie ist mir sogar noch ein bisschen lieber als die Affen.


Wir wandern gemeinsam durch grünste Tee-Plantagen, vorbei an freundlich winkenden Teepflückern und Dorfbewohnern. Unbezahlbar!

 
Bezahlbar dagegen ist der Wasserfall, den wir uns auch noch anschauen.
1 Euro Eintritt kostet er. Eine Kamera mitzubringen kostet nochmal extra.
Wenn es eine professionelle Kamera ist, kostet die nochmal extra. Wenn die professionelle Kamera ein Stativ hat, kostet das nochmal extra. Und Schwimmen kostet auch was. Und Trekking kostet auch was.
Wir bezahlen einen Euro und versuchen, nicht zum Wasserfall zu trekken (das wäre ja quasi klauen).
So kommen wir in den Ge… (was ist das Gegenteil von Genuss?) eines der am wenigsten beeindruckensten Wasserfälle, die wir jemals gesehen haben, der aber aus irgendeinem Grund von vier Sicherheitsmännern bewacht wird.

Danach geht es weiter ins Tea Museum. (Eintritt 1,50 Euro, Kamera kostet extra, aber immerhin wäre Schwimmen umsonst).
Hier gibt es einige wenig interessante Artefakte aus der Teeherstellung, ein trübes Aquarium mit einem Fisch, zwei Spieleautomaten und ein Kino, das immerhin klimatisiert ist.
Hier wird eine Werbe-Dokumentation über das Tee-Unternehmen Tata gezeigt, die so aufregend ist, dass in jeder Reihe mindestens ein Kinobesucher friedlich vor sich hinschnarcht.
Eine von uns beiden nickt auch ein, und ich habe die Dokumentation von vorne bis hinten ertragen ;).

Aquarium in Tee-Museum. Ob der Fisch wohl in Tee schwimmt?

Danach hören wir uns noch sehr kurz den Vortrag eines Englisch brüllenden Inders an, der – soweit wir verstehen – die Teeherstellung der Japaner beschimpft.

Weitaus besser gefällt uns die hinter dem Museum liegende Seiden- und Papierfabrik.
Hier färben Frauen mit Behinderungen, die sonst keinen Arbeitsplatz finden würden, Seidenschals mit natürlichen Farben oder stellen Papier aus Elefantenkot her.
Wir kaufen lieber die Seidenschals und freuen uns darüber, die soziale Seite Indiens kennenzulernen.

Das Soziale begegnet uns auch an unserem nächsten Stopp – Alleppey .
Auch hier bleiben wir in einem Homestay, bei Ryas, der trotz der vielen Arbeit im Hotel und zwei kleinen Töchtern jeden Monat für eine Woche nach Kalkutta fliegt, um dort in einem Waisenhaus zu helfen.


Ryas schickt uns zum Abendessen ins Restaurant Halais, das hervorragendstes Butter Paneer kocht und jeden Tag 100 Mahlzeiten umsonst an Bedürftige verteilt.

Bis auf die Moskitos und die Hitze gibt es hier wirklich gar nichts, das einem das Leben schwer macht.
Im Gegenteil: Besorgungen könnten einfacher nicht sein.
Mein Laptop hat bereits in Mumbai den Geist aufgegeben. „Gibt es hier irgendwo einen Elektroshop?“, frage ich Ryas.
Zehn Minuten später schaut sich sein Kumpel meinen Laptop an, gibt mir einen anderen Adapter… und – zack! – Er funktioniert wieder.
Die rot-gebrannte Ramona braucht einen Sonnenhut, also werden wir mit der Rikscha direkt vor den nächsten Hutstand gefahren.

Der ist es leider nicht geworden 🙁

Ich habe Zahnweh, die Rischka hält direkt vor der Apotheke. Ich hebe wild gestikulierend meine Lefzen und lisple: „Toothflesh Toothflesh!!!“
Die Apothekerin lächelt: „Gum?“
Ach, ja. So heißt das auf Englisch.

So ist alles Unangenehme schnell erledigt und wir haben genügend Zeit um, durch die Backwaters zu schippern… ein über 7000 Quadratkilometer großes Dschungelbuch, voller unzähliger Kanäle.
Auf den Inselstreifen stehen viele bunte Häuschen, die sehr gemütlich aussehen – solange es kein Hochwasser gibt.
Und wenn es Hochwasser gibt, legt man eben die Betten etwas höher.
Die Backwater-Bewohner lassen sich ihre Laune so schnell nicht verderben.
Fröhlich waschen, fischen und geschirrspülen sie vor sich hin, während wir im Ruderboot an ihnen vorbeiziehen.

Unser Boot teilen wir sehr gerne mit Doris und Wolfgang aus Stuttgart.
Die beiden haben ihren Stoffigel Kartuchi schon überall auf der Welt fotografiert, aber beim Anblick dieser Kulisse entfährt ihnen trotzdem ein „Heiligs Kittle!“

Die andere Doris, Wolfgang und Ramona

Alles wird hier auf Booten erledigt. Es gibt einen Zeitungs-Ausruderer, ein Eiermann-Boot, ein Mango-Boot, ein Schulbus-Boot… und ich warte nur darauf, dass ein wasserdichtes Handy-Boot ums Eck biegt.

Einkaufsschlange vorm Supermarkt-Boot

Danach essen wir ein paar Moskitos und ein so reichliches Mittagessen, dass Doris und Wolfgang bedauern: „Mei, hättma doch a Tubberdösle mitgnommen“.

Am nächsten Tag geht es weiter nach Kochi.
Auf der Straße überholen wir immer wieder Pilgergruppen in orangenen Gewändern, die große Holzkreuze durch die Hitze tragen.
Es ist eine Woche vor Ostern und der Beginn von vielen Prozessionen in Gods own Country.
Deutlich seltener zu finden sind Mülleimer.
Eine gefühlte Ewigkeit trage ich meine Bananenschale von Tankstelle zu Tankstelle.
Doch dann werde ich endlich fündig:

Bananaä-äää-ääh!

In Kochi, der Hauptstadt von Kerala, bleiben wir in einem gemütlichen Hostel, das jeden Morgen Yoga auf der Dachterrasse anbietet.
Selbiges lassen wir aufgrund der Temperaturen lieber ausfallen, denn wir möchten den anderen gerne den schwitzigen Hund und die japsende Kobra ersparen.
Stattdessen bummeln wir durch die Gässchen voller Streetart und Cafes… bis zur Hauptsehenswürdigkeit von Kochi: Den großen chinesischen Fischernetzen.
Diese sind im Sonnenuntergang am Schönsten anzusehen, sagt der Reiseführer. Das glauben wir sofort, denn dann sieht man die Müllberge drum herum nicht ganz so doll.

Chinesische Fischernetze: Nicht so schön

Streetart in Kochi: Viel schöner

Wir sehen uns an diesem Abend lieber eine Kathakali-Aufführung an, das traditionelle Tanztheater Keralas.
Die Künstler studieren 8-10 Jahre lang, bis sie die unterschiedlichen Gesten und die unfassbar schnellen Augenbewegungen draufhaben.
Und auch das dezente Makeup tragen die Schauspieler selbst auf.



Die Geschichte des Stücks ist schnell nacherzählt:
Das gelbe Mädchen (das der schon länger ausgewachsene Mann wirklich ausgezeichnet mimt) verliebt sich in den grünen Jüngling.
Doch dieser will nicht geliebt werden, deshalb schneidet er dem Mädchen am Ende die Brüste ab und sie verwandelt sich in einen kreischenden schwarzen Dämon.
Ende gut, alles…  joa.

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