BERLIN – Die Mitfiebergelegenheit

Die größten Abenteuer passieren oft dort, wo man sie am wenigsten erwartet. In diesem Fall war es eine Autofahrt von München nach Berlin.

Über Autos weiß ich nur, dass es sicherer für uns alle ist, wenn ich keines von ihnen fahre. So kam es, dass ich auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit in die Hauptstadt auf folgende Anzeige stieß: „Limousine. Viel Beinfreiheit!“ Ich sah mich bereits wehenden Haares mit einem Sektglas aus dem Dachfenster prosten, doch Freunde holten mich schnell in die Realität zurück: „Limousine heißt doch nicht gleich Stretch-Limousine!“
Einen Tag später warte ich an einer vierspurigen Münchener Straße und habe keinen blassen Schimmer, nach welchem Auto ich denn nun Ausschau halten soll. Es regnet und im Bushäuschen ist kein Platz mehr zum Unterstellen. Schon gar nicht für das Backpacker-Paar, das jetzt mit seinen zwei Riesen-Rucksäcken heranwankt. „Na, wartet ihr auch auf die Limousiiine?“, witzle ich. „Limousine heißt doch nicht gleich Stretch-Limousine!“, beenden sie das Gespräch und wir warten schweigend vor uns hin.
Bis plötzlich am Horizont eine weiße Stretch-Limo erscheint.
„Hab ich es nicht gesagt!“, will ich gerade lostrompeten, doch dann sehe ich mit Schrecken, dass nicht nur wir drei uns in Bewegung setzen, sondern auch die acht Leute aus dem Bushäuschen. „Ui, ihr seid ja viele!“ Ungläubig schüttelt der Fahrer den Kopf, während wir uns nacheinander auf die u-förmige Rückbank quetschen. Zum Glück ist hier wohl gerade die Innenbeleuchtung ausgefallen, denn die Limousine ist in einem verkehrsmuseumswürdigen Zustand. Und Sektgläser gibt es auch keine. Aber dafür stecken ein paar leere Jägermeisterfläschchen im Seitenfach – direkt neben dem … Zahnarztbesteck? Was zur Hölle haben Spiegelchen und Bohrer hier drinnen zu suchen?
„Hey, meint ihr die Limousine hat Car-ies?“, will ich in die Runde scherzen. Doch gerade noch rechtzeitig bemerke ich, dass die Runde nicht so aussieht, als wäre sie zum Scherzen aufgelegt. Und so kuschle ich mich stumm an den Pelzmantel des langhaarigen Hünen neben mir. Links von ihm wippt ein sehr nervöser Berliner mit den Knien, der aussieht, als würde er seinen Trainingsanzug höchstens zum Sport ausziehen. Vielleicht sind es die vier schrankbreiten Russen neben ihm, die ihn so beunruhigen. Wobei der eine mit der plattgeschlagenen Nase schon fast wieder etwas Verletzliches hat.  Vom Backpacker-Paar sind jetzt nur noch die Rucksäcke auf ihrem Schoß zu sehen. Und auf dem Beifahrersitz döst Dornröschen vor sich hin – ein blasser Junge, der nahtlos mit dem weißen Ledersitz verschmilzt. Nur der jamaikanische Student auf meiner rechten Seite grinst mich gut gelaunt an. „Ey, how long does it take to Berlin?“, flirtet er. „Five hours“, antworte ich – unwissend, dass ich damit nur zur Hälfte recht habe. Denn wir brauchten zehn Stunden.

„Woaßt, I bin a Schamane“, dröhnt es plötzlich in tiefstem Bayerisch aus dem Pelzmantel.
„Aha“, murmle ich, während auf einem Schild die “Teufelshöhle Pottenstein“ angepriesen wird.
„I fahr zu meinem Heiler nach Berlin.“
„Ach so.“
„Magst meinen Medizinbeutel sehen?“
Ich lehne dankend ab, bekomme dafür aber eine Schamanen-Visitenkarte gereicht. „Falls du mal a Kakaozeremonie machen willst. Ganz toll für den Energiefluss.“ Bevor ich dem Schamanen erklären kann, dass ich für meinen Energiefluss eher Kaffee bevorzuge, wird die Limousine von blauem Licht erfüllt. Und dann geht alles ganz schnell: Der Fahrer flucht, wir fahren rechts ran und ein grauer, runder Kopf schiebt sich durch Tür.
„Bolizeikondrolle“, brummt der fränkische Polizist und stößt beim Anblick der dubiosen Runde einen tiefen Seufzer aus. „Drrrogen- und Sprrrengstofffahndung!“, kräht seine sehr viel motiviertere Kollegin. Der Einfachheit halber nenne ich die beiden ab sofort Dobias und Dadjana. Nacheinander quetschen wir uns aus der Limousine in den fränkischen Nieselregen.
„Ick sag`s gleich, ick bin vorbestraft“, berlinert es aus dem Trainingsanzug, den Dadjana als erstes inspiziert. Dobias nimmt sich derweil den Medizinbeutel des Schamanen vor und schnuppert fragend an einem Fläschchen. „Königskerzenblüten. Für gegen Hämorrhoiden“, erläutert der Schamane freundlich. Dadjana durchsucht das verpennte Dornröschen und knöpft sich dann den Plattnasenrussen vor. Dobias sitzt immer noch schnuppernd inmitten unzähliger Fläschchen und Pülverchen „für gegen“ sämtliche Beschwerden dieser Welt. Dadjana ist jetzt mit den vier Russen durch und packt die beiden Backpacker-Rucksäcke aus. Danach überfliegt sie noch kurz meinen Rucksack. Ich hätte eine Familienpackung Koks im Vorderfach haben können, es wäre ihr nicht aufgefallen. Dadjana ist fertig mit der Welt.
Jetzt sind endlich alle durchsucht. Fast alle.
Auf der Rückbank sitzt – da, wo er auch vorher saß – der Jamaikaner und grinst.
„Und wer is er?“, fragt der Drogenfahnder erschöpft. „Des is bloß a ganz a normaler jamaikanischer Student“, sagt der bayerische Schamane. Dobias seufzt herzergreifend. Dann winkt er den Jamaikaner aus der Limousine. Eine Stunde später sitzen wir wieder komplett und abfahrbereit auf der Rückbank. Nur unser Fahrer fehlt.
Wir warten. Und warten. Und warten. Da endlich streckt er seinen Kopf zur Tür herein. „Zwei weniger schöne Sachen. Erstens: Das Auto ist überladen. Zwei Leute müssen hier aussteigen.“ Die Russen flüstern aufgeregt. Der Jamaikaner grinst fragend. Der Regen prasselt gegen die Scheiben und ich frage mich, ob die Teufelshöhle Pottenstein wohl eine geeignete Übernachtungsmöglichkeit wäre. „Wir trampen weiter“, ertönt es hinter den Rucksäcken und die zwei Backpacker klettern ein letztes Mal aus der Limousine. Nie werden sie Teil 2 des Geständnisses erfahren.
Erwartungsvoll blicken wir den Fahrer an. „Ach so, ja. Und ich hätte vor zwei Wochen meinen Führerschein abgeben müssen.“
Dem Schamanen fällt die Kinnlade herunter. Die Russen tuscheln jetzt in Tinnitus-Höhe. „Es muss jemand von euch weiterfahren.“ Nach einer betretenen Schweigepause stammelt es aus dem Trainingsanzug: „Ick würd ja jern, aber ick hab wat geraucht“. „Denk dir nix“, beruhigt ihn der Schamane, „ich auch.“ Der Jamaikaner grinst bestätigend und die Russen kichern. Ich sehe mich bereits die Limousine in Schlangenlinien über den Ku`damm steuern, während sich die vier Russen kreischend am Zahnarztbesteck festhalten, da ertönt eine bislang ungehörte Stimme: „Yo, ich kann schon fahren“, sagt Dornröschen und klettert ohne jeglichen Selbstzweifel ans Lenkrad.
Wir verabschieden uns herzlich von Dobias und Dadiana. Dann sind wir startklar. Nur einer fehlt: Unser Fahrer. Wir warten. Und warten. Und warten. Da öffnet er die Hintertür und stellt eine große Styorporbox zwischen uns. „Das sind meine Fische“, erklärt er beiläufig. „Die müssen auch noch mit.“
Keiner von uns traute sich, folgende Fragen zu stellen:
„Wo waren diese Fische bisher?“
„Sind diese Fische tot oder lebendig?“
„Was sind das für Fische?“
Wir waren einfach nur dankbar, als Dornröschen aufs Gas drückte und wir Stunden später endlich in Berlin ankamen. Außerdem weiß ich genau, was es für Fische waren:
Es waren Car-Pfen.

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2 Antworten

  1. Wolfgang sagt:

    sehr, sehr heiter

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